Blühstreifenaktion - mach mit: Interview mit Dr. Josef Voglsperger

Dr. Voglsperger ist Tierarzt, Imker und engagierter Obmann des Vereines „Lebensraum Natur“ in der Gemeinde Mehrnbach. Beeindruckende 8 ha Blühflächen haben Landwirte als Neuanlage heuer dort geschaffen.
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Blühstreifenversuchsanordnung mit fünf verschiedenen Saatgutmischungen bei Dr. Voglsperger © Josef Voglsperger

Welchen Nutzen sehen Sie als Imker, wenn Landwirte, Gemeinden und Privatpersonen Blühstreifen anlegen?

Wenn hier nach dem Nutzen von Blühstreifen gefragt wird, darf ich auch als Imker anmerken, dass wir hierbei nicht die Honigbiene und die Imkerei alleine betrachten dürfen. Wir müssen die Gesamtheit der blütenbesuchenden Insekten ins Auge fassen, dann stellt sich der Nutzen gesamtgesellschaftlich, besonders jedoch für die Landwirtschaft und die Imkerei wesentlich anschaulicher dar. Indem die Blütenpflanzen auf diesen Flächen aufgrund der großen Vielfalt eine lange Blühzeit aufweisen, kommt dies den Insekten und daher auch der Honigbiene sehr zugute. Es geht dabei nicht um ergiebige Trachtquellen im Sinne von Honigertrag für den Imker.

Das Wichtigste daran ist, dass zur trachtarmen Zeit, also im Sommer bis in den Herbst hinein ein mäßiges, aber kontinuierliches Angebot an wertvollen Pollen gegeben ist. Wertvoll ist der Blütenpollen dann, wenn er von vielen verschiedenen heimischen Pflanzen stammt, denn so weist er auch die entsprechende Aminosäurenzusammensetzung auf, welche die Bienen zur Aufzucht der Winterbienen unbedingt brauchen. So nützen diese Flächen den Bienen zur Gesunderhaltung und zum möglichst erfolgreichen Überwintern. 
 
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Ein schöner Anblick: Blühflächen bringen OÖ zum Blühen. © Bienenzentrum OÖ

Welche Pflanzen sind aus Ihrer Sicht für Honigbienen besonders interessant?

Hier muss man grundsätzlich unterscheiden zwischen Massentrachtpflanzen (Obstbäume, Raps, Löwenzahn, Linde,…),  welche im Frühjahr bis spätestens Ende Juni viel Nektar liefern und damit die Bienen entsprechend Honig erzeugen können und jenen Pflanzen, welche, wie ich schon angeführt habe, im Sommer bis in den Herbst hinein blühen.

Es kommt hierbei in erster Linie auf die Vielfalt an Blütenpflanzen an. Daher werden auch bei der Blühstreifenaktion immer Saatgutmischungen mit bis zu 20 verschiedenen Blütenpflanzen angebaut. Besonders interessant für die Honigbienen sind z.B. die Kornblume, Scabiosen – Flockenblume, Hornklee, Steinklee, Weißklee, Königskerze, Esparsette usw.

 
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Es geht um das zur Verfügung stellen und Zurückgeben von Lebensraum an die Pflanzen- und Tierwelt. © Bienenzentrum OÖ

Was braucht es zusätzlich um Bienen und blütenbestäubende Insekten zu unterstützen?

Grundsätzlich braucht es dazu ein Umdenken und eine Sensibilisierung der gesamten Bevölkerung um hier gemeinsam etwas zu bewirken. Neben der notwendigen intensiven Bewirtschaftung der Agrarflächen müssen wir ALLE darüber hinaus und parallel dazu unsere Beiträge für die Gesunderhaltung unseres Ökosystems leisten. In der Landwirtschaft, in den privaten Gärten, auf öffentlichen Flächen, auf ungenützten Gewerbeflächen usw. kann auf oft einfache Weise viel für die Gesunderhaltung des gesamten Systems getan werden.
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Honigbiene auf Kornblume © Bienenzentrum OÖ
Es geht dabei in erster Linie um das zur Verfügung stellen und Zurückgeben von Lebensraum an die Pflanzen- und Tierwelt. Dazu gehört, neben dem kontinuierlichen und artenreichen Nektar- und Pollenangebot, das Angebot von entsprechenden Nist- und Brutmöglichkeiten (offener Boden, Feldraine, Stauden, Stängel, Totholz, Feuchtbiotope,…) sowie Rückzugsmöglichkeiten für die Insekten. Daher sollten angelegte Blühstreifen und -flächen, Hecken, Wald- und Bachränder möglichst vernetzt gestaltet sein. Entlang von verkehrsmäßig stark frequentierten Straßen werden die Blühflächen von den Menschen zwar wahrgenommen, doch der ökologische Wert ist abseits von diesen Verkehrswegen deutlich höher. Auch in privaten Gärten kann man naturnahe Bereiche belassen oder schaffen, denn gerade der an die Kulturlandschaft anschließende Siedlungsraum bietet durch seine kleinstrukturierte Vielgestaltigkeit unzählige Möglichkeiten, die Biodiversität positiv zu unterstützen. Wir sollten wieder mehr Mut zu gewisser Unordnung in der Natur aufbringen und möglichst wenig und spät schlegeln sowie des Schleglers kleinen Bruder, den Rasenroboter einsperren, denn diese beiden sind der Tod der Biodiversität.
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Malve - eine wichtige Pollenquelle im Hochsommer. © Bienenzentrum OÖ
Was es zusätzlich noch braucht um Bienen und blütenbestäubende Insekten zu unterstützen ist, die Menschen allgemein, besonders aber Kinder und Jugendliche von dieser Thematik zu begeistern, Möglichkeiten aufzeigen und anbieten und dahingehend zu motivieren, dass jede und jeder von uns etwas tun kann. Gemeinsam, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern uns der Verantwortung stellend können wir viel bewirken, wenn wir es wollen.